Jan 30

Die aufgeregten Diskussionen über die Beobachtung der Linken-Abgeordneten im Bundestag durch den Verfassungsschutz haben vor allem eines gezeigt: Sowohl Auftrag als auch Methoden der Geheimdienste werden auf breiter Front missverstanden. Dazu tragen sicher verunglückte Auftritte (ehemaliger) Offizieller bei, wie dies gestern Abend bei Günther Jauch zu sehen war - gute PR gehört traditionellerweise nicht zu den Stärken eines Nachrichtendienstes. Dass der Verfassungsschutz bei der Überwachung rechtsradikaler Gewalttäter erschreckend erfolglos war, hilft auch nicht gerade. Und dass hier jeder auch seine parteipolitische Wurst drauf braten will, bietet sich ja geradezu an. Trotzdem würde ich gerne auf ein paar Dinge hinweisen, die mir aus Sicht eines Competitive Intelligence-Analysten bei der Lektüre und beim Zuschauen der Nachrichten aus den letzten Tagen immer wieder aufgefallen sind.

Erstens geht es in der Terminologie munter durcheinander - “Beobachtung”, “Überwachung” und “Bespitzelung” werden gerne als Synonyme benutzt, obwohl es einen gewaltigen Unterschied macht, ob die öffentlichen Äußerungen einer Person gesammelt und ausgewertet werden oder ob diese Person mit nachrichtendienstlichen Mitteln überwacht wird - also durch Beschattung, Telefon- und Datenüberwachung bzw. das Verwanzen von Wohnungen. Zweitens: Der weitaus meiste Teil nachrichtendienstlicher Arbeit besteht in der Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen, der so genannten Open Source Intelligence. An dieser Methode ist nicht einmal dann etwas Verwerfliches, wenn sie nicht von staatlichen Behörden, sondern von privaten Organisationen durchgeführt wird. In einer Studie der ETH Zürich zur Rolle von Open Source Intelligence heißt es dazu:

“The imperative to exploit all sources or relevant information to feed given intelligence requirements and the fact that open sources often provide the majority of intelligence input, though not necessarily the dot on the i, makes OSINT an essential part rather than a specialty of tradecraft, which must be commanded by every intelligence professional, even more so as analysis and collection are increasingly merging with each other.”

aponcia_250px.jpgOpen Source Intelligence bezeichnet in jedem Fall eine legale und ethisch einwandfreie Beobachtung von Akteuren - ob das nun Einzelpersonen, Gruppen oder sonstige Organisationen (wie in meinem beruflichen Kontext: Wettbewerber) sind. Und zwar völlig unabhängig davon, wer diese Art der Beobachtung vornimmt. Ob der Verfassungsschutz im Moment effektiv genug organisiert ist, dass er diese Arbeit zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber erledigen kann, ist eine andere Frage. Ob die Ziele der Beobachtung klug gewählt sind, eine andere. Die Vielzahl der einzelnen Dienste in Deutschland scheint auch nicht gerade dazu beizutragen, timely and actionable intelligence zu produzieren. Wenn ein ansonsten so kluger Kopf wie Heribert Prantl von der SZ allerdings verlangt, den Verfassungsschutz abzuschaffen (und seine Funktionen in den polizeilichen Staatsschutz zu verlagern), wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Drittens und letztens: Missverständnisse zum Thema Open Source Intelligence gibt es nicht nur hier, sondern auch in dem Land, das mehr Geld für Geheimdienste ausgibt als alle anderen. Als AP letztens über eine Einrichtung der CIA berichtete, die unter anderem Twitter und Facebook nach relevanten Informationen auswertet, gab es einen ähnlichen Aufschrei.

“After the AP story ran, pundits expressed shock because the CIA was “spying” on people via social media. News headlines warning people to “be careful” with what they say on Twitter, because the CIA “may be watching”, made the rounds all weekend long. It’s a needless worry, because most of what the CIA is doing is no different than what reporters do when following developing events. When a story breaks, journalists will follow breaking news on Twitter or, in some cases, Facebook, in order to amass immediate information and reaction… So what is the CIA doing? As the AP report explains, it’s doing its job.”

Möglicherweise bin ich aber auch deshalb etwas vorsichtiger in der pauschalen Verurteilung der Geheimdienste, weil sie exakt dasselbe Problem haben wie Competitive Intelligence Professionals: Wenn es richtig gut läuft, erfährt es möglichst niemand. Und wenn viel darüber geredet wird, ist irgendwas richtig schief gelaufen.

written by Andreas Romppel

Sep 11

Am heutigen Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 werden in der Intelligence-Community auch noch einmal die Fehler thematisiert, die sich die Geheimdienste vor den Ereignissen haben zu Schulden kommen lassen. Stephen Marrin vom Centre for Intelligence and Security Studies der britischen Brunel University nimmt die Verantwortlichen der US-Geheimdienste in Schutz und konstatiert in einem Aufsatz:

“To understand the failure of decision-makers to respond effectively to early warning from intelligence agencies about the threat from Al Qaeda, one must start with the policy environment at the time rather than the adequacy or sufficiency of the intelligence that they were provided with. One cannot understand the influence, or lack of influence, of intelligence analysis on policy by studying intelligence. Instead, one must study policy.”

Wie auch immer das Urteil über diese Frage ausfallen wird: ich halte es für sinnvoll, dass auch wir als “zivile” Competitive Intelligence-Analysten uns die Fakten und die Argumentationslinien in diesem Zusammenhang noch einmal vor Augen führen sollten, und zwar aus drei Gründen: Erstens ist Politik ein nicht zu unterschätzender Teil einer richtig verstandenen Wettbewerbsanalyse. Zweitens können wir hier anhand gut dokumentierter und recherchierter Vorgänge exemplarisch das Handwerk des “connecting the dots” beobachten. Und drittens werden intelligence failures im Wirtschaftsleben in den seltensten Fällen ausführlich untersucht und kommentiert, sondern in der Regel unter den Teppich gekehrt.

written by Andreas Romppel

Nov 05

Mother Jones-ArtikelBarack Obama wird der nächste Präsident der USA - wie hält er es eigentlich mit dem Thema Intelligence? Das kritische US-Magazin Mother Jones hat nicht nur eine Reihe von Interviews mit ehemaligen CIA-Leuten über das Erbe der Ära Bush in dieser Beziehung geführt, sondern berichtet unter dem schönen Titel “The Spies who Love Obama” darüber, wie der demokratische Kandidat das Thema im Wahlkampf adressierte: ohne öffentliches Aufsehen, aber mit einem beeindruckenden Beraterstab aus “national security professionals who have served in senior leadership, operational and legal positions in the National Security Council, CIA, and defense intelligence agencies, including many who served both Republican and Democratic administrations. Among them: Former CIA deputy director John McLaughlin, former senior CIA operations officers Art Brown and Jack DeVine, retired Ltn. Gen. Claudia Kennedy, retired Ltn. Gen. and former head of the Defense Human Intelligence Service Donald Kerrick, former CIA lawyer and special advisor to the CIA director Kenneth Levitt, former CIA general counsel Jeff Smith, former CIA Near East division chief Robert Richer, and former CIA officer Valerie Plame Wilson…”

Eine Menge Sachverstand also, den man eigentlich eher im anderen Lager verorten würde - auch wenn dieser Beistand nicht so medienwirksam ist wie die öffentliche Unterstützung Obamas durch Colin Powell. Aus dieser Gruppe heraus wurden auch stichwortartig die Prioritäten für eine neue Administration unter Führung von Obama formuliert: “The intelligence community is a complete mess. Intelligence reform—try to fix it. Improve morale. CIA is dysfunctional. Rectify a lot of stuff that was done by executive order in secrecy, and bring more transparency. Better protection of civil liberties. Improve oversight of CIA on these activities.”

Ein weiterer ehemaliger Geheimdienstler sieht ebenfalls die Notwendigkeit für einen tiefgreifenden Wandel: “… this Bush administration has done terrible damage to the intelligence business. They have operated a perpetual campaign, treated intelligence as a political tool, and never fully appreciated why it must be non-partisan and objective and can’t be tampered with.”

written by Andreas Romppel

Aug 22

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Wie die Financial Times gestern schrieb, entdecken jetzt auch die amerikanischen Geheimdienste den Nutzen von Social Communities und versuchen so etwas wie die Quadratur des Kreises. Im Dezember soll eine Website namens A-Space einem erweiterten Nutzerkreis zur Verfügung stehen - und folgt damit einer Reihe von Aktivitäten, die versuchen, die Vorteile des Web 2.0-typischen Austausches von Informationen in die Intelligence-Community zu übersetzen, ohne zuviel Schaden anzurichten:

The DNI has also built an internal collaborative site called Intellipedia, modelled on Wikipedia, the online encyclopedia. It has also created a version of http://del.icio.us, the social book-marking site, for members of the intelligence community. Another tool that has been developed is a national intelligence library, which can be accessed from A-Space.

Die Einwände gegen solche Initiativen liegen auf der Hand: das Risiko, zuviel Informationen preiszugeben, steigt. Gegenargument: in der Vergangenheit hat gerade nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig an Austausch zwischen den Diensten zu schweren Versäumnissen und Fehlentscheidungen geführt.

Das scheint die Experimentierfreude gesteigert zu haben:

Thomas Fingar, the deputy director of national intelligence for analysis, believes the common workspace – a kind of “MySpace for analysts” – will generate better analysis by breaking down firewalls across the traditionally stove-piped intelligence community. He says the technology can also help process increasing amounts of information where the number of analysts is limited.

Nachdem die Zahl der durch staatliche Stellen gesammelten Informationen offenbar immer rasanter ansteigt (und dabei gravierende Veränderungen für demokratische und rechtsstaatliche Strukturen mit sich bringt), war es nur eine Frage der Zeit, dass sich die auch auf der Analyseseite etwas ändern musste. Ich bin gespannt, ob wir demnächst Success stories aus diesem Bereich zu hören bekommen.

written by Andreas Romppel