Jun 01

impulse.jpg…endlich, möchte man sagen: Das Unternehmermagazin Impulse berichtet in seiner aktuellen Ausgabe unter dem Titel “Augen auf! So gelangen Sie an Informationen über Ihre Wettbewerber - und schützen sich selbst” tatsächlich über Competitive Intelligence, und sie trauen sich sogar, das Kind beim Namen zu nennen. Im Artikel selbst finden sich wieder die üblichen Halbwahrheiten - munter vermischt er ethisch einwandfreie Methoden mit fragwürdigem oder sogar illegalem Vorgehen. Da tauchen plötzlich “fiktive Headhunter” auf, dumpster diving wird flugs zu einer gängigen Methode, mit der sich angeblich “CI-Profis in Übersee schmücken”, und “Vorspiegelung falscher Tatsachen” erscheint zulässig, weil juristisch unangreifbar. Es hätte schlimmer kommen können, denn zum Glück wird das Ganze in einem separaten Kasten über “Methoden und Grenzen” von CI wieder eingefangen und richtig gestellt - es bleibt aber ein widersprüchlicher Eindruck.

Auch wenn der Artikel wieder mit Gloria Reyes anfängt (und damit genau so schon vor 15 Jahren hätte erscheinen können) - am Ende kommt immerhin Rainer Michaeli als Direktor des “Institute for Competitive Intelligence” und wichtigster Promoter der Disziplin in Deutschland ausreichend zu Wort. Unsere Branche hat es leider nach wie vor schwer - kein Wunder, denn mit Success-Stories dürfen wir nicht werben, und je zufriedener ein Kunde ist, umso weniger Interesse wird er daran haben, uns weiter zu empfehlen. Trotzdem ist die Tendenz eindeutig: immer mehr mittelständische Unternehmen investieren in eine professionelle und systematische Wettbewerbsbeobachtung. Und sind dadurch schneller am Markt, machen mehr Umsatz, kommunizieren klarer.

written by Andreas Romppel

Jan 30

Die aufgeregten Diskussionen über die Beobachtung der Linken-Abgeordneten im Bundestag durch den Verfassungsschutz haben vor allem eines gezeigt: Sowohl Auftrag als auch Methoden der Geheimdienste werden auf breiter Front missverstanden. Dazu tragen sicher verunglückte Auftritte (ehemaliger) Offizieller bei, wie dies gestern Abend bei Günther Jauch zu sehen war - gute PR gehört traditionellerweise nicht zu den Stärken eines Nachrichtendienstes. Dass der Verfassungsschutz bei der Überwachung rechtsradikaler Gewalttäter erschreckend erfolglos war, hilft auch nicht gerade. Und dass hier jeder auch seine parteipolitische Wurst drauf braten will, bietet sich ja geradezu an. Trotzdem würde ich gerne auf ein paar Dinge hinweisen, die mir aus Sicht eines Competitive Intelligence-Analysten bei der Lektüre und beim Zuschauen der Nachrichten aus den letzten Tagen immer wieder aufgefallen sind.

Erstens geht es in der Terminologie munter durcheinander - “Beobachtung”, “Überwachung” und “Bespitzelung” werden gerne als Synonyme benutzt, obwohl es einen gewaltigen Unterschied macht, ob die öffentlichen Äußerungen einer Person gesammelt und ausgewertet werden oder ob diese Person mit nachrichtendienstlichen Mitteln überwacht wird - also durch Beschattung, Telefon- und Datenüberwachung bzw. das Verwanzen von Wohnungen. Zweitens: Der weitaus meiste Teil nachrichtendienstlicher Arbeit besteht in der Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen, der so genannten Open Source Intelligence. An dieser Methode ist nicht einmal dann etwas Verwerfliches, wenn sie nicht von staatlichen Behörden, sondern von privaten Organisationen durchgeführt wird. In einer Studie der ETH Zürich zur Rolle von Open Source Intelligence heißt es dazu:

“The imperative to exploit all sources or relevant information to feed given intelligence requirements and the fact that open sources often provide the majority of intelligence input, though not necessarily the dot on the i, makes OSINT an essential part rather than a specialty of tradecraft, which must be commanded by every intelligence professional, even more so as analysis and collection are increasingly merging with each other.”

aponcia_250px.jpgOpen Source Intelligence bezeichnet in jedem Fall eine legale und ethisch einwandfreie Beobachtung von Akteuren - ob das nun Einzelpersonen, Gruppen oder sonstige Organisationen (wie in meinem beruflichen Kontext: Wettbewerber) sind. Und zwar völlig unabhängig davon, wer diese Art der Beobachtung vornimmt. Ob der Verfassungsschutz im Moment effektiv genug organisiert ist, dass er diese Arbeit zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber erledigen kann, ist eine andere Frage. Ob die Ziele der Beobachtung klug gewählt sind, eine andere. Die Vielzahl der einzelnen Dienste in Deutschland scheint auch nicht gerade dazu beizutragen, timely and actionable intelligence zu produzieren. Wenn ein ansonsten so kluger Kopf wie Heribert Prantl von der SZ allerdings verlangt, den Verfassungsschutz abzuschaffen (und seine Funktionen in den polizeilichen Staatsschutz zu verlagern), wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Drittens und letztens: Missverständnisse zum Thema Open Source Intelligence gibt es nicht nur hier, sondern auch in dem Land, das mehr Geld für Geheimdienste ausgibt als alle anderen. Als AP letztens über eine Einrichtung der CIA berichtete, die unter anderem Twitter und Facebook nach relevanten Informationen auswertet, gab es einen ähnlichen Aufschrei.

“After the AP story ran, pundits expressed shock because the CIA was “spying” on people via social media. News headlines warning people to “be careful” with what they say on Twitter, because the CIA “may be watching”, made the rounds all weekend long. It’s a needless worry, because most of what the CIA is doing is no different than what reporters do when following developing events. When a story breaks, journalists will follow breaking news on Twitter or, in some cases, Facebook, in order to amass immediate information and reaction… So what is the CIA doing? As the AP report explains, it’s doing its job.”

Möglicherweise bin ich aber auch deshalb etwas vorsichtiger in der pauschalen Verurteilung der Geheimdienste, weil sie exakt dasselbe Problem haben wie Competitive Intelligence Professionals: Wenn es richtig gut läuft, erfährt es möglichst niemand. Und wenn viel darüber geredet wird, ist irgendwas richtig schief gelaufen.

written by Andreas Romppel

Jun 19

Dieser Satz von Harald Schmidt gestern Abend im Ersten ist zu schön und zu böse, um ihn nicht auch auf die Praxis der Konkurrenzanalyse anzuwenden: “Ahnungslosigkeit ist die Objektivität der schlichteren Gemüter.”

Was dabei herauskommt, wenn man Ahnungslosigkeit mit dem üblichen Maß an Topimierung kombiniert und dann stille Post über mehrere Hierarchieebenen hinweg spielt, kann man an dem folgenden Text ablesen, den ich schon vor einiger Zeit im Netz gefunden hatte (ohne den wahren Autor ausfindig machen zu können):

How shit happens

Es kamen die Annahmen, und die Annahmen waren nicht fundiert, und der Plan war völlig ohne Substanz; und Zweifel lagen auf den Gesichtern der Projektmitarbeiter, und sie redeten und redeten miteinander und sagten: “Das ist ein Haufen Scheiße und er stinkt!”

Die Projektmitarbeiter gingen zu den Teilteamleitern und sagten: “Das ist ein Haufen Mist und keiner erträgt den Gestank!”

Und die Teilteamleiter gingen zu den Teilprojektleitern und sagten: “Das ist wie ein Eimer voller Fäkalien und riecht so stark, dass keiner damit zu tun haben will.”

Und die Teilprojektleiter gingen zu den externen Beratern und sagten: “Das ist ein Fass voller Gülle und verbreitet einen starken Duft!”

Und die externen Berater gingen zur Projektleitung und sagten: “Das enthält Dünger und ist sehr stark.”

Und die Projektleitung ging zum Lenkungsausschuss und sagten: “Das fördert Wachstum und hat Power!”

Und der Lenkungsausschuss ging zum Vorstand und sagte: “Dieser neue Plan wird aktiv das Wachstum und die Effizienz fördern.”

Und der Vorstand blickte auf den Plan und sah, dass er gut war, und der Plan wurde Realität!

And that is how shit happens!

written by Andreas Romppel

Mrz 18

Eine aktuelle Diskussion der CI-Community auf Ning beschäftigt sich damit, dass der wirtschaftliche Druck offensichtlich zu einer erhöhten Anfrage nach Informationen führt, die auf ethisch einwandfreie Weise nicht beschafft werden können.

Statt darauf mit einer Aufweichung des SCIP Code of Ethics zu antworten, sollten wir dies eher als ein Symptom dafür sehen, dass Competitive Intelligence immer noch von vielen Kunden missverstanden wird - nämlich als Informationsbeschaffung über die Wettbewerber und nicht als das, was die Disziplin im Kern eigentlich ausmacht: nämlich eine Entscheidungen unterstützende Beratungsleistung.

August Jacksons BlogIn diesem Zusammenhang hat mein Kollege August Jackson eine sehr aufschlussreiche Liste typischer Missverständnisse zwischen CI-Kunden und CI-Anbietern in seinem Blog zusammengestellt, die ich hier gerne wiedergebe. Anfragen an Konkurrenzberater, die lediglich die Lieferung von Informationen über Wettbewerber zum Inhalt haben, schöpfen das Potenzial einer entscheidungsunterstützenden Beratung bei weitem nicht aus und zeichnen sich seiner Beobachtung nach regelmäßig durch folgende Eigenschaften aus:

    • Die Möglichkeit der Lieferung eindeutiger Ergebnisse wird überbewertet.
    • Die Notwendigkeit der Lieferung besonders exakter Ergebnisse wird überbewertet.
    • Quantitative Informationen werden überbewertet.
    • Aktuelle Fakten werden für wichtiger gehalten als Trendaussagen.
    • Taktisch relevante Fragen werden über-, strategische unterbewertet.
    • Ethische Fragen werden unterschätzt, insbesondere im Hinblick auf mögliche Folgekosten ethisch fragwürdigen Verhaltens.
    • Der Zeitbedarf zur Informationsbeschaffung wird regelmäßig unterschätzt.
    • Das Befolgen von Arbeitsaufträgen wird wichtiger genommen die Relevanz der Ergebnisse.
    • Informationen werden stärker beachtet als Analysen, Meinungen Dritter werden ignoriert.
    • Überproportionale Beachtung einzelner, nicht verifizierter Informationen von unqualifizierten Quellen.
    • Neigung zur Bestätigung vorgefasster Meinungen oder bereits getroffener Entscheidungen.
    • Die Bestätigung von Informationen und die Überprüfung der Analysequalität wird zu wenig ernstgenommen.

      Nur auf Basis dieser Missverständnisse ist es möglich, dass Kunden (und manchmal auch Anbieter) von Konkurrenzanalysen in Versuchung kommen, ethisch fragwürdige Abkürzungen bei der Recherche zu nehmen. Und das kann durchaus sehr schmerzhaft enden, was die Wettbewerber dann nicht ohne eine gewisse Schadenfreude zur Kenntnis nehmen…

      written by Andreas Romppel

      Feb 06

      Spiegel-Artikel über Gefahren durch HeadhunterWarum halte ich mich im Rahmen einer Competitive Intelligence-Recherche eigentlich an ethische Richtlinien?  Warum erzähle ich nicht irgendwelche Geschichten, wie dies Headhunter täglich tun? Wer sich mit solchen “Personalberatern” unterhält (oder auch den aktuellen Spiegel-Online-Artikel zu diesem Thema liest), bekommt schnell den Eindruck, als seien die besseren Rechercheure genau diejenigen, die sich ohne Skrupel durch die Landschaft lügen, bis sie beim richtigen Gesprächspartner angelangt sind. Dieser wird mit dem Versprechen eines besseren Jobs und eines weit höheren Gehalts solange gemolken, bis auch die letzte wettbewerbsrelevante Information abgeschöpft worden ist.

      Wer diese kurzfristigen “Erfolge” als Beleg für die Gefährdung von Unternehmen durch Angriffe von außen ansieht,  hat durchaus Recht. Und ebenfalls zu Recht weist der im Artikel zitierte Ex-Researcher Peter Romero darauf hin, dass Firmen in den Bereichen Sicherheit und Mitarbeiterschutz “hammernaiv” seien.

      Trotzdem möchte ich vor zwei naheliegenden Fehlschlüssen warnen:

      Erstens: Wer meint, die beschriebenen Methoden könnten zu einer professionellen, systematischen und zukunftsorientierten Beobachtung der Wettbewerber und des Marktes führen, der irrt sich. Abgesehen von der ethischen Fragwürdigkeit dieser Verhaltensweisen gibt es eine Menge ganz pragmatischer Gründe, “sauber” zu arbeiten (und ethische Standards wie z.B. den SCIP Code of Ethics einzuhalten), auf die man mit ein wenig Nachdenken selbst kommt (oder auch gerne in meinem Buch nachlesen kann).

      Zweitens: Wer mit dem Feuerzeug spielt, erzeugt durchaus gelegentlich mal das Strohfeuer eines kurzfristigen Erfolges. Dabei riskiert er aber immer einen Flächenbrand, der in Zeiten, in denen Akteure und Medien immer sensibler auf Datenpannen, Ausspähungen und übereifrige Wirtschaftsdetektive reagieren, richtig teuer werden kann.

      Gegen den selbstverschuldeten Verlust seines guten Rufes kann man sich eben nur auf eine Weise versichern: indem man nämlich bereit ist, Ethik und Effizienz als Einheit und nicht als Nullsummenspiel zu begreifen. 

      written by Andreas Romppel