Apr 26

Donnerstag habe ich einen Abstecher auf die IMEX gemacht, der zentralen Messe der sogenannten MICE-Branche (Meetings, Incentives, Conventions und Events). Melanie Huber hat dort am letzten Tag - quasi als Rausschmeißer, was auch schon viel über den Stellenwert eines Themas aussagt - das einzige Seminar zum Thema Das Web 2.0 als Chance - Mit Weblogs erfolgreich Veranstaltungen begleiten gehalten - ein gut strukturierter Rundumschlag zur gesamten Palette der neuen kommunikativen Möglichkeiten.

IMEX

Bereits im letzten Jahr hatte ich bei Gesprächen festgestellt, dass die Stichworte Weblog, Podcast, Wiki oder Online-Video in dieser Branche meist verständnislose Blicke provozieren - und der Nutzwert dieser Kommunikationswege nicht einmal erahnt wird. Das scheint sich kaum geändert zu haben, selbst die knapp 35 Teilnehmer des Vortrags hatten noch viele grundlegende Fragen. Abgesehen von typischen Web 2.0-Kongressen ist die Nutzung von Blogs zur Vor- und Nachbereitung bzw. Begleitung eines Events immer noch die große Ausnahme. Ich denke, das wird sich in den nächsten Jahren ändern, und zwar in drei Phasen.

1. Phase: Von der Ignoranz zur Ahnung.
Konferenzveranstalter und Professional Conference Organizers (PCOs) verstehen sich als Organisatoren, nicht als Anbieter von Inhalten. Diese mentale Sperre hat historische und praktische Gründe, führt aber dazu, dass ein unglaubliches Umsatzpotenzial bei der Zweitverwertung von Inhalten verschenkt wird. Mir ist schon klar, dass das neben einer grundsätzlichen Bereitschaft zum Umdenken auch den Mut erfordern, neue Wege zu gehen - es könnte sich angesichts von 97% namentlich bekannten Nicht-Teilnehmern an Veranstaltungen aber lohnen.

2. Phase: Von der Ahnung zu Panik.
In dem Augenblick, in dem einzelne Organisatoren anfangen, Chancen in der Zweitverwertung von Inhalten zu sehen, kommt sofort die Angst vor der Selbstkannibalisierung: “Wenn ich alles online stelle, dann kommt doch keiner mehr auf meinen Kongress!” Dann muss man eben intelligente Marketing- und Vertriebskonzepte finden und erfinden! Einschränkung der Auswahl, die Festlegung einer Veröffentlichungsfrequenz oder auch ein zeitlich gestaffeltes Pricing wären dafür die Möglichkeiten. Stattdessen betreibt eine Mehrheit der PCOs noch business as usual, weil sie eine Grundregel der Konkurrenzanalyse nicht beachten: nämlich systematisch nach funktionalen Äquivalenten zur eigenen Dienstleistung Ausschau zu halten und deren Anbieter als potenzielle Wettbewerber ernst zu nehmen.

3. Phase: Web 2.0 als Marketing-Unterstützung.
Das ist meist der Einstieg: wir zeichnen einen Vortrag auf, stellen das Video auf unsere Website und freuen uns, dass wir jetzt auch im Web 2.0 mitmachen. Nur: dass da was zappelt oder quäkt, hat mit Web 2.0 noch herzlich wenig zu tun. Koordinierte, crossmediale Kampagnen mit einem gezielten Einsatz von Interviews mit Referenten zur Vorbereitung einer Konferenz, mit der Aktivierung von Teilnehmern als Ideengeber und Multiplikatoren, mit der Aufzeichnung von Inhalten (am besten Audio, Video und Powerpoint in Kombination), mit einem Konferenzradio, mit der Nutzung dieser Inhalte zur Nachbereitung und zur Kundenbindung sowie über die Koordination eines konferenzbegleitenden Weblogs mit Content aus Publikationen, die jedes Event begleiten.

4. Phase: Die virtuelle Erweiterung der Veranstaltung.
Schon jetzt gibt es eine Vielzahl von meist kostenlosen Möglichkeiten, den Teilnehmern einer Konferenz einen echten Mehrwert für das Networking zu bieten - die Koordination von Gruppen, das Suchen und Finden von Gesprächspartnern, das Auffinden von Locations in der Stadt - per Twitter, Xing, Qype oder Google Maps. Man muss es nur machen. Oder jemanden finden, der es macht, wenn man es nicht selbst versteht.

5. Phase: Vom Marketing zum Umsatz.
Die eben erwähnte Inhalte einer Konferenz können tatsächlich genutzt werden, um neue Geschäftsmodelle jenseits der physischen Präsenz von Teilnehmern an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit aufzubauen - und damit nicht nur vorhandene Kunden zu binden, sondern völlig neue Kundenschichten zu erschließen. Die Möglichkeit, Inhalte zeitversetzt und ortsunabhängig rezipieren zu können, ist die Voraussetzung dafür, diese Inhalte in völlig neue Kontexte zu stellen und beispielsweise als Bundle mit anderen digitalen Produkten in Form eines Kurses oder im Rahmen einer Weiterbildungsmaßnahme anzubieten. Und diese Möglichkeit eröffnet die Chance, den berühmten Long Tail zu nutzen.

re:publica

Fazit: Die Konferenzbranche wird meiner Einschätzung nach in ihrer Gesamtheit noch etwa 12 bis 18 Monate brauchen, bis diese Potenziale ansatzweise erkannt und in ersten Projekten umgesetzt werden. Was alles möglich ist, kann man exemplarisch an thematisch nahen Veranstaltungen wie der re:publica in Berlin heute schon sehen - bis das allerdings Standard wird, werden vermutlich noch 36 Monate vergehen. Viel mehr aber nicht. Und wer es als Konferenzorganisator bis dahin nicht verstanden hat und anbieten kann, wird weg sein vom Fenster.

written by Andreas Romppel

Mrz 28

Sources and Methods-Beitrag zu WikisAugust Jackson weist in einem Beitrag auf dem neuen Ning-Portal zum Thema Competitive intelligence auf einen lesenswerten Beitrag hin, der sich sehr ausführlich mit dem Wie und dem Warum des Einsatzes von Wikis in der Konkurrenzanalyse beschäftigt. Unter dem langen Titel A Wiki Is Like A Room And Other Lessons Learned From 15 Wiki-based, Open Source, Intelligence Analysis Project findet sich die Zusammenfassung eines studentischen Projektes beim Mercyhurst College - Ergebnis:

A wiki is just another tool used to conduct this analysis. To talk about “wiki-based” analysis, in this context, makes about as much sense as talking about “Microsoft Word-based” analysis. In other ways, the differences are significant. Analysts are massively and consistently more productive using a wiki. The reduction in “transaction costs”, while modest in individual terms, quickly add up giving the teams more time to spend analyzing the data and less time spent sorting it our or sending it around to other team members. This results in better, more nuanced, analysis no matter how difficult the problem or how successful the team ultimately is in examining the topic under discussion.

Das widerspricht der Skepsis, mit der andere über dieses Tool urteilen, klingt aber insgesamt überzeugend.

written by Andreas Romppel

Mrz 25

NING-Plattform zu CIGerade habe ich mich auf einer neuen Plattform zum Thema Competitive Intelligence angemeldet, die dankenswerterweise von unserem SCIP-Kollegen Arik Johnson von AuroraWDC.com vor ein paar Tagen aufgesetzt wurde.  Mit ein paar Dutzend Teilnehmer schon ordentlich bevölkert, bietet das Forum unter der schlichten Adresse http://competitiveintelligence.ning.com eine Vielzahl von Web 2.0-typischen Features wie Diskussionsgruppen, ein Wiki, die Möglichkeit, als Mitglied eigenen Content in vielfältiger Form einzustellen, und die üblichen Networking-Features. Sehr nutzerfreundlich, gut gestaltet und selbsterklärend - was will man mehr. Über Ning lässt sich eine solche Plattform in extrem kurzer Zeit einrichten, und es macht Spaß…

written by Andreas Romppel

Feb 25

RivalmapDie Beobachtung von Wettbewerbern ist sinnlos, überflüssig oder sogar schädlich - diese Vorurteile liest man regelmäßig, so auch in der Techcrunch-Diskussion anlässlich der Vorstellung des neuen CI-Systems RivalMap. Hauptkritik: man laufe den Konkurrenten nur hinterher und verliere den Fokus auf die eigenen Produkte bzw. Kunden. Ganz blind möchte man trotzdem nicht durch die Welt rennen, und so werden Praktikanten oder Studenten für eine beschäftigungstherapeutisch sinnvolle Grabpflege auf den unternehmensinternen Datenfriedhof geschickt. Dort befinden sich jede Menge in Stein gemeißelte (also schon publizierte) und blumengeschmückte (also PR-technisch frisierte) Basisinformationen, deren Hauptfunktion von symbolischem Charakter ist: Ja, wir behalten unsere Mitbewerber im Auge, aber erst, wenn sie uns nicht mehr überraschen können.

CompetitiousEine sehr knappe, aber sehr präzise Antwort auf dieses Vorurteil hat in der oben genannten Diskussion Kris Rasmussen (der Gründer von RivalSoft hat mit Competitious und RivalMap zwei sehr interessante, webbasierte Lösungen für die Verwaltung von Wettbewerberinformationen auf den Markt gebracht):

“Competitor analysis isn’t about obsessing over who is better or worse than you, it’s about learning more about your market, recognizing ways to differentiate yourself, and serving your customers better.” Besser lässt sich Sinn und Zweck eines CI-Systems in dieser Kürze kaum beschreiben.

Jenseits des Datenfriedhofs gibt es verschiedene Möglichkeiten, wettbewerbsrelevante Informationen zu tracken, zu analysieren und zu bewerten - wer den Thread weiter verfolgt, profitiert von ein paar Einsichten bezüglich der Nutzung von Wikis in diesem Zusammenhang. Die stammen zugegebenermaßen von einem der Beta-Tester von RivalMap - macht aber nix.

ConfluenceHier ein paar Auszüge (Hervorhebungen von mir): “We began an organic collaborative CI effort using a wiki (Confluence) but in my company (very large company), non-technical users found the wiki too difficult to use, for starters, and part of our goal has been to extract even small nuggets of CI from many parts of the company. For me, the raw wiki did not provide the kind of flexibility we needed to execute to our CI vision and needs and we fortunately stumbled upon RivalMap… [which] is the best tool of its kind that we found — and we hired a consultant that for two months evaluated many options — that did not require us to invest in an expensive business intelligence system and the accompanying customization and integration […] A key challenge in any collaborative intel effort is getting the right folks to contribute and comment on new bits of intel — RivalMap has a daily email digest that is distributed to our execs which allows them to passively read updates that the team makes, and then allows them to sign in and make further comments or ask questions when a topic comes online that is of interest or concern — far more effective than email and an excellent tool for folks across functions and geographies. […] and for us anyway, this has actually delivered tangible results in terms of responding to new threats more quickly and more effectively.

Trotzdem - und dieser Hinweis ist gut und wichtig: “If you are skeptical about how effective a tool like this can be for your organization — you’re skepticism is to some degree warranted as this tool alone won’t solve all your CI problems, however in conjunction with competent CI leadership internally” geht’s dann doch.

written by Andreas Romppel

Feb 20

The Point

Der Erfolg gesellschaftlicher oder politischer Kampagnen ist - jenseits aller viralen Effekte - umso höher, je mehr Menschen sich daran beteiligen. Oft beteiligen sich Menschen an Kampagnen aber gerade deshalb nicht, weil der Erfolg eher unsicher ist. Genau dieses Problem adressiert The Point: Jeder Nutzer kann ein Kampagnenziel vorschlagen und gleichzeitig die Anzahl der notwendigen Unterstützer festlegen, die sich gemeldet haben müssen, um eine gemeinsame Aktion überhaupt zu starten. Potenzielle Unterstützer müssen zunächst nicht mehr tun, als ein Versprechen abzugeben: Ja, ich beteilige mich, wenn genug Leute zusammengekommen sind.

Dsa Ganze ist eine faszinierende Kombination der Partizipationskultur des Web 2.0 mit der Idee des “Tipping Point”: The Point verhilft zur Selbstorganisation und visualisiert auf einfache Weise die Erfolgswahrscheinlichkeit. Auf diese Weise werden virale Effekte sozusagen im Sandkasten durchgespielt, bevor sie im wirklichen Leben umgesetzt (oder fallengelassen) werden.

Das spannende dabei ist: Der Initiator kann anonym bleiben, und auch die Gruppengröße ist völlig beliebig wählbar. Deshalb kann eine solche Kampagne nicht nur für politische Ziele oder gegen bestimmte Unternehmen, sondern auch innerhalb von Unternehmen (z.B. zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen) gestartet werden. Und führt vielleicht schon dadurch zum Erfolg, weil das Management die steigende Zahl potenzieller Unterstützer zum Anlass nimmt, schon vor dem Ende der Kampagne aktiv zu werden.

Die Macher von The Point sehen drei Anwendungsbereiche: die Formulierung eines Ultimatums zur Unterstützung von Boykotts, die Sammlung von Spenden für einen bestimmten, genau zu beziffernden Zweck und ganz allgemein das Abschließen eines “Sozialen Vertrages”, der ohne eine ausreichende Zahl an Mitstreitern nicht funktionieren würde. Kampagnen können übrigens durch die Zahl der Teilnehmer (den Tipping Point) oder auch zeitlich begrenzt werden. Bin gespannt, wann die erste deutschsprachige Kopie auftaucht…

written by Andreas Romppel