
90 Prozent aller Informationen, die von Geheimdiensten ausgewertet werden, sind “Open Source Intelligence”, stammen also also aus öffentlich zugänglichen Quellen. Dabei reicht es nicht, die berühmte Nadel im Heuhaufen zu finden - man muss vielmehr die gefundenen Informationen in den richtigen Zusammenhang stellen, um zuletzt Schlussfolgerungen ziehen und Handlungsoptionen begründen zu können. Methodische Fehler sind blamabel, führen zu Fehlentscheidungen, kosten Geld und im schlimmsten Fall Menschenleben.
Die auf Wikileaks veröffentlichten Dokumente aus Afghanistan-Einsätzen ist offensichtlich Rohmaterial, das jetzt ebenfalls zur Rubrik “Open Source Intelligence” gezählt werden muss und dabei in den Medien eifrig (fehl-) interpretiert wird. Anlass für die US-Zeitschrift Foreign Policy, in einem sehr informativen Artikel die Mechanismen zu beschreiben, mit denen Geheimdienste die Glaubwürdigkeit ihrer Quellen und Erkenntnisse überprüfen. Und natürlich, was dabei alles schief gehen kann.
Für Bruce Riedel, ehemaliger CIA-Mitarbeiter und Präsidentenberater, ist die Arbeit der Auswerter wie ein Puzzle. “Man hat vielleicht 200 Teile des Puzzles. Zunächst weiß man nicht, ob es ein Puzzle mit 500 oder eines mit 1000 Teilen ist. Und von den 200 Teilen, die man hat, gehört vielleicht die Hälfte gar nicht zu diesem Puzzle. Sie sind in der falschen Schachtel. Außerdem kommt stündlich jemand vorbei, wirft dir zehn neue Teile auf den Tisch - und neun davon sind falsch.” Dass dabei immer nur eine Annäherung an die Realität passiert, ist offensichtlich.
Zwei historische Ereignisse sind besonders mit dem Versagen der Standards bei der Auswertung von nachrichtendienstlichem Material verbunden: Der 11. September und der darauf folgende Irak-Krieg. Dabei geht es um zwei unterschiedliche Kategorien von Fehlern. Im Fall des 11. September sind korrekte Analysen, die die Ereignisse hätten verhindern können, im System versickert, während im Fall des Irak-Krieges Standards der Auswertung verletzt wurden, um ein politisch gewolltes Ergebnis zu produzieren.
Die Folgen einer Fehleinschätzung bei der Analyse von Wettbewerbern sind um Größenordnungen weniger dramatisch als in diesen Fällen - trotzdem ist es auch für uns Zivilisten hilfreich, sich einmal anzuschauen, auf welche Standards die intelligence community in einer Direktive des Director of National Intelligence im Nachgang zu diesen Fehlern noch einmal verpflichtet wurde:
- Objektivität im Sinne vorurteilsfreier und selbstkritischer Analyse
- Unabhängigkeit von politischen Erwägungen
- Rechtzeitigkeit
- Berücksichtigung aller verfügbaren Intelligence-Quellen
- Berücksichtigung handwerklicher Standards der Analyse.
Zu letzteren zählen insbesondere folgende Punkte:
- Korrekte Beschreibung der Qualität und Verlässlichkeit der zugrundeliegenden Quellen
- Benennung von Unsicherheiten bei der Beurteilung
- Saubere Unterscheidung zwischen faktischen Erkenntnissen und Annahmen bzw. Schlussfolgerungen durch den Analysten. Dabei sollten sowohl die möglichen Auswirkungen auf die Schlussfolgerungen beschrieben werden, falls die Annahmen falsch sein sollten, als auch Indikatoren benannt werden, anhand derer man feststellen kann, ob die Annahmen falsch sind.
- Einbeziehung alternativer Analysen bzw. Hypothesen sowie deren Stärken und Schwächen zur Erklärung des Sachverhalts
- Darstellung der Relevanz für die nationale Sicherheit
- Verwendung logischer Argumentation, zu der auch interne Konsistenz und Unzweideutigkeit in Begrifflichkeit und bei der Verwendung von unterstützenden Materialien wie z.B. Grafiken gehören
- Kontinuität der Analyse: Die Kernergebnisse sollten mit vorherigen Analysen konsistent sein oder erklären, warum sich Veränderungen ergeben haben und welche Folgen dies hat.
- Sicherstellung der Korrektheit von Beurteilungen und Schlussfolgerungen
Ein hoher Anspruch. Dass in der wirtschaftlichen und politischen Realität trotz aufwändiger Analysen oft falsche Entscheidungen getroffen werden, nenne ich in Anlehnung an das Peter-Prinzip das Puzzle-Paradox: Je größer eine Organisation ist, umso mehr Mittel kann sie für Analysen mobilisieren - und umso größer ist die Gefahr, dass die Ergebnisse der Analysen machtpolitisch instrumentalisiert, verfälscht oder verdrängt werden.
Systemisch betrachtet, ist die Ermittlung der Grundlagen strategischer Entscheidungen selbst Gegenstand strategischer Überlegungen. Aus dieser Feedback-Schleife kommt nur heraus, wer professionell und systematisch, also methodisch sauber arbeitet und dies am Ende auch belegen kann.
Für die Arbeit externer Berater stellt sich deshalb die Grundfrage: Soll ich eigentlich eine offene Strategiefrage analysieren, oder soll ich eine in Wirklichkeit bereits getroffene Entscheidung möglichst überzeugend begründen? Im ersten Fall besteht ein gewisser Zusammenhang zwischen der Höhe des Honorars und der Qualität des Ergebnisses. Im zweiten Fall ist die Höhe des Honorars in erster Linie ein Indikator dafür, mit welchem Nachdruck ein gewolltes Ergebnis intern durchgesetzt werden soll.
Wenn das nicht so kontraproduktiv wäre, könnte man eine solche Dienstleistung auch Internal Relations nennen.