Letzten Donnerstag ist eine Airbus-interne, 46-seitige Präsentation von Jon Ostrower in seinem FlightBlogger veröffentlicht worden, die sehr ausführlich die Schwächen der 787 des Konkurrenten Boeing beschreibt. So ausführlich, dass man der CI-Abteilung von Airbus nur gratulieren kann - und es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Boeing-Anwälte melden werden, zumal einige der Seiten als “Boeing Proprietary” gekennzeichnet sind.
Allerdings: Ob der Besitz dieser Seiten tatsächlich strafbar ist, ist fraglich - schließlich führt eine einfache Google-Suche mit den Parametern _”BOEING proprietary” filetype:ppt_ zu ein paar Dutzend Präsentationen, die öffentlich zugänglich sind und so nette Zusätze wie “Competition Sensitive” oder “Distribution limited to Boeing personnel only” enthalten. Zu finden sind diese bei Universitäten, Regierungsorganisationen, auf Foren und sogar bei Boeing selbst.
Und außerdem bedeutet - wie einer der Kommentatoren des Blog-Postings richtig bemerkt - “publicly available” nicht automatisch “available to the public” - “if a customer, analyst or other person unaffiliated with Boeing has this document without an NDA preventing disclosure, its legally publicly available if that customer or analyst or whomever can be persuaded to hand it over.” Außerdem sei die Frage, ob ein Dokument gesetzlich geschützt ist, nicht dadurch entschieden, ob man “proprietary” draufschreibt oder nicht - sondern dies wird in einem entsprechenden Gesetz geregelt.
Spannend ist es jedenfalls, die unterschiedlichen Diskussionen dazu zu beobachten - auch wenn da Fragen nach den Methoden der Konkurrenzanalyse munter mit fachlichen Auseinandersetzungen von Experten über die Validität der Inhalte sowie grundsätzliche Debatten über nachlassende Produktionsqualität durch Outsourcing gemischt werden.
Spannend ist auch die Frage, auf welche Weise die Präsentation an die Öffentlichkeit gelangt ist. Ein Leck - oder eine gezielte Indiskretion? Für Letzteres spricht zumindest, dass sich der Bericht ausschließlich auf die Schwächen des Konkurrenten konzentriert, dagegen spricht, dass sowohl der Autor (seines Zeichens Head of Engineering Intelligence beim Future Projects Office von Airbus) als auch sechs Co-Autoren namentlich genannt werden und eine rechtliche Auseinandersetzung über Inhalt und Methodik des Berichts zumindest riskiert wird.
Anyway - einer einer der Blog-Kommentatoren trifft vielleicht den Nagel auf den Kopf: “With all the contractors hanging around in Airbus offices, I have always wondered how they could keep anything confidential. A confidential report is one that can only be accessed by 10 legitimate persons and 100 administrators.”
Das Dokument ist jedenfalls ein Beispiel dafür, wie scharf die Waffe “Competitive Intelligence” ist - besonders die Recherchen bei und über Zulieferer des Wettbewerbers führte offensichtlich zu einer Fülle von höchst interessanten Erkenntnissen, die nicht nur für die eigene Produktion relevant sind, sondern vor allem die Vermarktungschancen des eigenen Produktes erheblich steigern dürften.