Der “Spiegel” war früher mal bekannt für gute Recherche und dafür, nicht auf Teufel komm raus kulturkonservative Ansichten vertreten zu müssen, die man so selbst in der FAZ kaum noch findet. Schon toll, dass man diesen Ruf auch mit einem einzigen Meinungsbeitrag auf Spiegel Online nachhaltig beschädigen kann. Das macht nämlich Christian Stöcker, der sich mit der Diskussion um den E-Book-Reader Kindle von Amazon beschäftigt. Er weiß: Alles Panikmache! Veränderung der Geschäftsmodelle? Ach was! Niedergang der Verlagsbranche durch wildes Raubkopieren wie in der Musikindustrie? Nie im Leben!
Aber die Begründungen für diese Überzeugungen überzeugen dann doch nicht - wenn der Autor es überhaupt für nötig hält, sie anzuführen. Die Menschen werden sich nicht für Hunderte von Euro einen E-Book-Reader zulegen, weil sie den traditionell fürs Bücherlesen ja gar nicht brauchen? Naja - ein Blick auf die Preisentwicklung bei MP3-Playern hätte gezeigt, dass diese inzwischen teilweise weniger kosten als ein gutes Buch. Möglicherweise hat sich ein Kindle der übernächsten Generation (also vermutlich ab 2010) dann schon beim vierten oder fünften Buch amortisiert…
Man könne seine Büchersammlung nicht digitalisieren, um sie (analog zu seinen MP3-Dateien) mit in den Urlaub zu nehmen? Ich würde das sicher nicht tun, aber ich würde wetten, dass ich in Windeseile Gleichgesinnte im Netz finde, die ihre legal, aber digital erworbenen Bücher brüderlich mit mir teilen. Warum das bei Text-Bytes anders sein soll als bei Musik-Bytes, ist mir schleierhaft.
Eine wirklich wunderbare Warnung ist die Bemerkung, dass es erst dann fürs gedruckte Buch gefährlich werde, “wenn aus Handys oder Mini-Notebooks wirklich tragbare Multi-Medien-Spieler geworden sind, faltbar, mit wochenlanger Akkulaufzeit und überragenden Displays… Erst dann werden auch Raubkopien, Abo-Modelle und Buch-Flatrates ernsthaft diskutiert werden müssen.”
Willkommen im Jahr 2008, lieber Freund! Die Innovationszyklen in der Buchbranche mögen sich in Jahrhunderten bemessen, bei elektronischen Unterhaltungsgeräten sind es nur Monate. Wer so lange zum Denken braucht, kann am Beispiel der Musikbranche ja ablesen, wie sich der Umsatz mit physischen Manifestationen kultureller Produkte entwickelt, wenn man sich nix einfallen lässt.
Wer dafür zahlen würde, “ganze Bibliotheken reisefertig zu machen”? Na klar, niemand. Jedenfalls nicht die Summe, die man für Bücher in atomarer Gestalt zahlt. Geradezu rührend finde ich auch die Vorstellung, dass das Abendland dadurch gerettet würde, dass “auch E-Bücher der Buchpreisbindung unterliegen werden”. Nichts gegen die Buchpreisbindung - wir sitzen alle in derselben großen Badewanne, und die Buchpreisbindung ist der Stöpsel, den man nur zu ziehen braucht, wenn man die literarische und verlegerische Landschaft austrocknen will. Aber: Selbst wenn ein E-Book (von mir aus mit E-Rabatt) der Buchpreisbindung unterliegt, wird es im Gegensatz zum gedruckten Buch trotzdem zillionenfach kopiert werden können, ohne dass es das selber merkt oder Autoren, Verleger und Händler auch nur einen Cent daran verdienen müssen.
Noch ein Wort zur Usability: Akkulaufzeiten werden länger (übrigens: E-Ink ist geduldig!), auch in elektronischen Büchern “kann man Passagen anstreichen und Seiten mit virtuellen Klebezettelchen markieren”, und meine Schwägerin liest jetzt seit knapp zwei Jahren regelmäßig alle möglichen Bücher über einen aus Japan importierten E-Book-Reader und hat das bisher nicht nur überlebt, sondern will das auch weiter tun (leben und lesen).
“Das Buch hat noch ein langes Leben vor sich.” Ja. Aber das war doch gar nicht die Frage.
Erst, wenn die Verlagsbranche ebenfalls dreißig Prozent ihres Umsatzes verloren haben wird, werdet ihr merken, dass man Papier nicht essen kann.