Donnerstag habe ich einen Abstecher auf die IMEX gemacht, der zentralen Messe der sogenannten MICE-Branche (Meetings, Incentives, Conventions und Events). Melanie Huber hat dort am letzten Tag - quasi als Rausschmeißer, was auch schon viel über den Stellenwert eines Themas aussagt - das einzige Seminar zum Thema Das Web 2.0 als Chance - Mit Weblogs erfolgreich Veranstaltungen begleiten gehalten - ein gut strukturierter Rundumschlag zur gesamten Palette der neuen kommunikativen Möglichkeiten.

Bereits im letzten Jahr hatte ich bei Gesprächen festgestellt, dass die Stichworte Weblog, Podcast, Wiki oder Online-Video in dieser Branche meist verständnislose Blicke provozieren - und der Nutzwert dieser Kommunikationswege nicht einmal erahnt wird. Das scheint sich kaum geändert zu haben, selbst die knapp 35 Teilnehmer des Vortrags hatten noch viele grundlegende Fragen. Abgesehen von typischen Web 2.0-Kongressen ist die Nutzung von Blogs zur Vor- und Nachbereitung bzw. Begleitung eines Events immer noch die große Ausnahme. Ich denke, das wird sich in den nächsten Jahren ändern, und zwar in drei Phasen.
1. Phase: Von der Ignoranz zur Ahnung.
Konferenzveranstalter und Professional Conference Organizers (PCOs) verstehen sich als Organisatoren, nicht als Anbieter von Inhalten. Diese mentale Sperre hat historische und praktische Gründe, führt aber dazu, dass ein unglaubliches Umsatzpotenzial bei der Zweitverwertung von Inhalten verschenkt wird. Mir ist schon klar, dass das neben einer grundsätzlichen Bereitschaft zum Umdenken auch den Mut erfordern, neue Wege zu gehen - es könnte sich angesichts von 97% namentlich bekannten Nicht-Teilnehmern an Veranstaltungen aber lohnen.
2. Phase: Von der Ahnung zu Panik.
In dem Augenblick, in dem einzelne Organisatoren anfangen, Chancen in der Zweitverwertung von Inhalten zu sehen, kommt sofort die Angst vor der Selbstkannibalisierung: “Wenn ich alles online stelle, dann kommt doch keiner mehr auf meinen Kongress!” Dann muss man eben intelligente Marketing- und Vertriebskonzepte finden und erfinden! Einschränkung der Auswahl, die Festlegung einer Veröffentlichungsfrequenz oder auch ein zeitlich gestaffeltes Pricing wären dafür die Möglichkeiten. Stattdessen betreibt eine Mehrheit der PCOs noch business as usual, weil sie eine Grundregel der Konkurrenzanalyse nicht beachten: nämlich systematisch nach funktionalen Äquivalenten zur eigenen Dienstleistung Ausschau zu halten und deren Anbieter als potenzielle Wettbewerber ernst zu nehmen.
3. Phase: Web 2.0 als Marketing-Unterstützung.
Das ist meist der Einstieg: wir zeichnen einen Vortrag auf, stellen das Video auf unsere Website und freuen uns, dass wir jetzt auch im Web 2.0 mitmachen. Nur: dass da was zappelt oder quäkt, hat mit Web 2.0 noch herzlich wenig zu tun. Koordinierte, crossmediale Kampagnen mit einem gezielten Einsatz von Interviews mit Referenten zur Vorbereitung einer Konferenz, mit der Aktivierung von Teilnehmern als Ideengeber und Multiplikatoren, mit der Aufzeichnung von Inhalten (am besten Audio, Video und Powerpoint in Kombination), mit einem Konferenzradio, mit der Nutzung dieser Inhalte zur Nachbereitung und zur Kundenbindung sowie über die Koordination eines konferenzbegleitenden Weblogs mit Content aus Publikationen, die jedes Event begleiten.
4. Phase: Die virtuelle Erweiterung der Veranstaltung.
Schon jetzt gibt es eine Vielzahl von meist kostenlosen Möglichkeiten, den Teilnehmern einer Konferenz einen echten Mehrwert für das Networking zu bieten - die Koordination von Gruppen, das Suchen und Finden von Gesprächspartnern, das Auffinden von Locations in der Stadt - per Twitter, Xing, Qype oder Google Maps. Man muss es nur machen. Oder jemanden finden, der es macht, wenn man es nicht selbst versteht.
5. Phase: Vom Marketing zum Umsatz.
Die eben erwähnte Inhalte einer Konferenz können tatsächlich genutzt werden, um neue Geschäftsmodelle jenseits der physischen Präsenz von Teilnehmern an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit aufzubauen - und damit nicht nur vorhandene Kunden zu binden, sondern völlig neue Kundenschichten zu erschließen. Die Möglichkeit, Inhalte zeitversetzt und ortsunabhängig rezipieren zu können, ist die Voraussetzung dafür, diese Inhalte in völlig neue Kontexte zu stellen und beispielsweise als Bundle mit anderen digitalen Produkten in Form eines Kurses oder im Rahmen einer Weiterbildungsmaßnahme anzubieten. Und diese Möglichkeit eröffnet die Chance, den berühmten Long Tail zu nutzen.
Fazit: Die Konferenzbranche wird meiner Einschätzung nach in ihrer Gesamtheit noch etwa 12 bis 18 Monate brauchen, bis diese Potenziale ansatzweise erkannt und in ersten Projekten umgesetzt werden. Was alles möglich ist, kann man exemplarisch an thematisch nahen Veranstaltungen wie der re:publica in Berlin heute schon sehen - bis das allerdings Standard wird, werden vermutlich noch 36 Monate vergehen. Viel mehr aber nicht. Und wer es als Konferenzorganisator bis dahin nicht verstanden hat und anbieten kann, wird weg sein vom Fenster.
