Nov 13

CI Magazine 5-2008Selbstkritik und vorsichtiger Optimismus - das beschäftigt die Branche der Wettbewerbsforscher, deren Akteure in SCIP organisiert sind. Selbstkritik, weil es auch nach gut zwei Jahrzehnten nur wenigen unternehmensinternen Akteuren gelungen ist, sich als strategische Berater ihrer Vorstände zu etablieren - und weil der Verband durchaus öfter die Methoden der eigenen Profession auf sich selbst anwenden könnte und dabei noch viel effektiver wäre (wie man auch an anderer Stelle nachlesen kann). Optimismus, weil damit viel besser der neue Business Development-Fünfjahresplan für den Verband umzusetzen ist.

Im aktuellen Competitive Intelligence Magazine der Society of Competitive Intelligence Professionals (SCIP) beschäftigt sich Paul Kinsinger mit der Neupositionierung der Disziplin: wenn sie relevant bleiben will, müsse sie sich tiefer in die Organisationsstrukturen integrieren - und nicht nur den Unternehmen insgesamt, sondern auch den handelnden Individuen größeren Nutzen bringen. Kinsinger bezieht sich unter anderem auf Thomas Friedmans Buch “The World is Flat”, um die dort beschriebene Globalisierung 3.0 als Vorlage für die Praxis der Competitive Intelligence zu nutzen - und er sieht eine große Zukunft für “Diagnostiker”, die sich von reiner Recherche und Datensammlung emanzipieren.

Jonathan Calof schlägt Alarm: “We appear to be moving away from becoming a profession rather than toward it.” Das liege an dem - verglichen mit anderen Disziplinen - geringen Austausch zwischen Praxis und universitärer Forschung, aber auch an einem fehlenden Selbstbewusstsein der Akteure in Bezug auf ihre Relevanz.

Ben Gilad vermutet in seinem Artikel über “The Future of Competitive Intelligence”, dass die überwiegende Mehrheit der CI-Manager keine Primarrecherche betrieben und damit akut die Basis ihrer Position gefährdeten. Das sei aufgrund rechtlicher Schranken zugegebenermaßen schwieriger geworden als noch in den 80ern, als Primärrecherche noch das “Rückgrat” der Disziplin und vor allem das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zur Marktforschung war.

Gilad geht sogar so weit zu unterstellen, dass human source collection tot sei - was ich übrigens hiermit vor allem für den europäischen Raum vehement bestreiten würde. Außerdem sei in Zeiten des Internets die Versuchung stetig angewachsen, es mit Sekundärrecherche gut sein zu lassen - so habe sich eine “reporting school” innerhalb der CI entwickelt.

Dieser “reporting school” stehe eine “analysis school” gegenüber, zu der sich auch der Autor des Artikels zählt, was er gewohnt unterhaltsam autobiografisch begründet: “I don’t know where to find information; on a good day, I can hardly find my keys. I only know how to turn information into intelligence.” Er definiert intelligence ganz locker als “a perspective on facts” - nur diese könne man sammeln, und sie bedürften der Interpretation.

Zwar sei das Sammeln von Informationen als Aufgabe eines CI-Experten nicht ganz tot (”not quite”) - er sei aber gut beraten, sich auf Primärrecherche im eigenen Hause zu konzentrieren, das sei genauso schwer wie externe human source collection, habe aber einen Vorteil: “It is legal and ethical.”

Bis zu diesem Satz fand ich die Argumentation noch einleuchtend - aber die implizite Unterstellung, externe Primärrecherche sei illegal oder zumindest ethisch fragwürdig, ist schon dreist. Gilad projiziert fröhlich die Schwierigkeiten, die angestellten CI-Experten in den USA von den eigenen Rechtsabteilungen (ob zu Recht oder Unrecht, sei dahingestellt) gemacht werden, auf die gesamte Branche.

Dabei vergisst er, dass kulturelle, juristische und organisatorische Gegebenheiten auch ganz anders sein können, dass human source collection zum Kern der Disziplin Competitive Intelligence gehört und dass man ohne eine ethisch einwandfreie Nutzung von elicitation techniques sicher nicht zu Erkenntnissen kommt, die Relevanz für strategische Entscheidungen beanspruchen können. Außerdem ignoriert er völlig, dass genau dafür externe CI-Berater gut sind: nämlich Ethik und Effizienz in Recherche und Analyse miteinander zu vereinen.

Wer sich selbst kastriert, sollte sich nicht wundern, wenn’s nur noch zum Pfeifen im dunklen Wald reicht.

Weitere Zusammenfassungen und Kommentare demnächst an dieser Stelle…

written by Andreas Romppel

Nov 05

Mother Jones-ArtikelBarack Obama wird der nächste Präsident der USA - wie hält er es eigentlich mit dem Thema Intelligence? Das kritische US-Magazin Mother Jones hat nicht nur eine Reihe von Interviews mit ehemaligen CIA-Leuten über das Erbe der Ära Bush in dieser Beziehung geführt, sondern berichtet unter dem schönen Titel “The Spies who Love Obama” darüber, wie der demokratische Kandidat das Thema im Wahlkampf adressierte: ohne öffentliches Aufsehen, aber mit einem beeindruckenden Beraterstab aus “national security professionals who have served in senior leadership, operational and legal positions in the National Security Council, CIA, and defense intelligence agencies, including many who served both Republican and Democratic administrations. Among them: Former CIA deputy director John McLaughlin, former senior CIA operations officers Art Brown and Jack DeVine, retired Ltn. Gen. Claudia Kennedy, retired Ltn. Gen. and former head of the Defense Human Intelligence Service Donald Kerrick, former CIA lawyer and special advisor to the CIA director Kenneth Levitt, former CIA general counsel Jeff Smith, former CIA Near East division chief Robert Richer, and former CIA officer Valerie Plame Wilson…”

Eine Menge Sachverstand also, den man eigentlich eher im anderen Lager verorten würde - auch wenn dieser Beistand nicht so medienwirksam ist wie die öffentliche Unterstützung Obamas durch Colin Powell. Aus dieser Gruppe heraus wurden auch stichwortartig die Prioritäten für eine neue Administration unter Führung von Obama formuliert: “The intelligence community is a complete mess. Intelligence reform—try to fix it. Improve morale. CIA is dysfunctional. Rectify a lot of stuff that was done by executive order in secrecy, and bring more transparency. Better protection of civil liberties. Improve oversight of CIA on these activities.”

Ein weiterer ehemaliger Geheimdienstler sieht ebenfalls die Notwendigkeit für einen tiefgreifenden Wandel: “… this Bush administration has done terrible damage to the intelligence business. They have operated a perpetual campaign, treated intelligence as a political tool, and never fully appreciated why it must be non-partisan and objective and can’t be tampered with.”

written by Andreas Romppel

Okt 21

Der “Spiegel” war früher mal bekannt für gute Recherche und dafür, nicht auf Teufel komm raus kulturkonservative Ansichten vertreten zu müssen, die man so selbst in der FAZ kaum noch findet. Schon toll, dass man diesen Ruf auch mit einem einzigen Meinungsbeitrag auf Spiegel Online nachhaltig beschädigen kann. Das macht nämlich Christian Stöcker, der sich mit der Diskussion um den E-Book-Reader Kindle von Amazon beschäftigt. Er weiß: Alles Panikmache! Veränderung der Geschäftsmodelle? Ach was! Niedergang der Verlagsbranche durch wildes Raubkopieren wie in der Musikindustrie? Nie im Leben!

Aber die Begründungen für diese Überzeugungen überzeugen dann doch nicht - wenn der Autor es überhaupt für nötig hält, sie anzuführen. Die Menschen werden sich nicht für Hunderte von Euro einen E-Book-Reader zulegen, weil sie den traditionell fürs Bücherlesen ja gar nicht brauchen? Naja - ein Blick auf die Preisentwicklung bei MP3-Playern hätte gezeigt, dass diese inzwischen teilweise weniger kosten als ein gutes Buch. Möglicherweise hat sich ein Kindle der übernächsten Generation (also vermutlich ab 2010) dann schon beim vierten oder fünften Buch amortisiert…

KindleMan könne seine Büchersammlung nicht digitalisieren, um sie (analog zu seinen MP3-Dateien) mit in den Urlaub zu nehmen? Ich würde das sicher nicht tun, aber ich würde wetten, dass ich in Windeseile Gleichgesinnte im Netz finde, die ihre legal, aber digital erworbenen Bücher brüderlich mit mir teilen. Warum das bei Text-Bytes anders sein soll als bei Musik-Bytes, ist mir schleierhaft.

Eine wirklich wunderbare Warnung ist die Bemerkung, dass es erst dann fürs gedruckte Buch gefährlich werde, “wenn aus Handys oder Mini-Notebooks wirklich tragbare Multi-Medien-Spieler geworden sind, faltbar, mit wochenlanger Akkulaufzeit und überragenden Displays… Erst dann werden auch Raubkopien, Abo-Modelle und Buch-Flatrates ernsthaft diskutiert werden müssen.”

Willkommen im Jahr 2008, lieber Freund! Die Innovationszyklen in der Buchbranche mögen sich in Jahrhunderten bemessen, bei elektronischen Unterhaltungsgeräten sind es nur Monate. Wer so lange zum Denken braucht, kann am Beispiel der Musikbranche ja ablesen, wie sich der Umsatz mit physischen Manifestationen kultureller Produkte entwickelt, wenn man sich nix einfallen lässt.

Wer dafür zahlen würde, “ganze Bibliotheken reisefertig zu machen”? Na klar, niemand. Jedenfalls nicht die Summe, die man für Bücher in atomarer Gestalt zahlt. Geradezu rührend finde ich auch die Vorstellung, dass das Abendland dadurch gerettet würde, dass “auch E-Bücher der Buchpreisbindung unterliegen werden”. Nichts gegen die Buchpreisbindung - wir sitzen alle in derselben großen Badewanne, und die Buchpreisbindung ist der Stöpsel, den man nur zu ziehen braucht, wenn man die literarische und verlegerische Landschaft austrocknen will. Aber: Selbst wenn ein E-Book (von mir aus mit E-Rabatt) der Buchpreisbindung unterliegt, wird es im Gegensatz zum gedruckten Buch trotzdem zillionenfach kopiert werden können, ohne dass es das selber merkt oder Autoren, Verleger und Händler auch nur einen Cent daran verdienen müssen.

Noch ein Wort zur Usability: Akkulaufzeiten werden länger (übrigens: E-Ink ist geduldig!),  auch in elektronischen Büchern “kann man Passagen anstreichen und Seiten mit virtuellen Klebezettelchen markieren”, und meine Schwägerin liest jetzt seit knapp zwei Jahren regelmäßig alle möglichen Bücher über einen aus Japan importierten E-Book-Reader und hat das bisher nicht nur überlebt, sondern will das auch weiter tun (leben und lesen).

“Das Buch hat noch ein langes Leben vor sich.” Ja. Aber das war doch gar nicht die Frage.

Erst, wenn die Verlagsbranche ebenfalls dreißig Prozent ihres Umsatzes verloren haben wird, werdet ihr merken, dass man Papier nicht essen kann.

written by Andreas Romppel

Aug 15

CI und Web 2.0 in WI… so lautet der Titel der nächsten Nachmittagsveranstaltung von dcif und SCIP, diesmal in Wiesbaden (und von mir organisiert). Das Ganze steigt am Donnerstag, den 18. September 2008 von 14 bis 18 Uhr und soll neben einem spannenden Vortrag von Prof. Martin Grothe aus Berlin auch wieder ausreichend Gelegenheit fürs Networking bieten.

Grothe ist nicht nur geschäftsführender Gesellschafter seines Unternehmens complexium GmbH, Berlin, sondern auch als Gast-Professor im Masterstudiengang „Leadership in digitaler Kommunikation“ an der Universität der Künste Berlin in Kooperation mit der Universität St. Gallen tätig. Das heißt: er steckt mitten im Thema und kann eine Menge über “Digital Intelligence” und Strategieentwicklung im Bereich Social Media Management weitergeben.

Außerdem werde ich eine kurze Einführung ins Thema bringen und dabei ein paar meiner Erfahrungen im Bereich Web 2.0 zum Besten geben (die ich ja nicht nur als CI-Berater, sondern auch als Voiceletter-Gründer gemacht habe).

Anmeldeformalitäten finden sich wie immer unter www.dcif.de.

written by Andreas Romppel

Aug 11

DIE WELT über CIDIE WELT hat in ihrer Samstagsausgabe einen recht ausführlichen Artikel von Annette Zellner veröffentlicht, die sehr fair und ausgewogen mit dem Thema Competitive Intelligence umgeht - daher wird der Titel “Spionieren in der Grauzone” im Artikel selbst umgehend wieder dementiert…

Gefreut hat mich auch, dass (neben mir) die Kollegen Rainer Michaeli und Christan Muth zu Wort kommen. Rainer hat mit seiner Pionierarbeit als Praktiker und Anbieter von Weiterbildungsmaßnahmen die Disziplin in Deutschland entscheidend vorangebracht, und Christian Muth ist einer der wenigen ehemaligen “Government Intelligence”-Experte, der sich zudem auf Counterintelligence bzw. CI-Defense spezialisiert hat.

written by Andreas Romppel